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Wolfgang Linke:
Schwachstellen in der Orientierungsliteratur

Einige schiefe oder falsche Behauptungen oder unzulässige Verallgemeinerungen zum Sonnenstand und zur Missweisung werden in der Orientierungs- und Überlebensliteratur, in Erdkundebüchern und militärischen Lehrbüchern weitergegeben oder neu "gefunden", ohne dass man den Wahrheitsgehalt überprüft oder den Geltungsbereich nennt.

1. "Nach der Sonne und dem kleinen Zeiger der Uhr kann man die genaue Südrichtung ermitteln"

Der Satz muss in mehrfacher Hinsicht eingeschränkt werden:

•  Auf  „genau“ sollte man verzichten

• Nur auf der Nordhalbkugel nördlich des Wendekreises erhält man auf diese Weise die ungefähre Südrichtung, auf der Südhalbkugel südlich des Wendekreises ist es die Nordrichtung. Zwischen den Wendekreisen erhält man je nach der Jahreszeit die Nord- oder die Südrichtung, und zweimal im Jahr steht die Sonne senkrecht über dem Standort und ist für die Orientierung unbrauchbar.

 • Für den irdischen Beobachter ändert sich die Sonnenrichtung - der Horizontalwinkel - im Laufe des Tages außer an den Polen unterschiedlich schnell, abhängig von der Breite des Standorts und von der Jahres- und Tageszeit. In Deutschland beträgt die größte Abweichung zur Sommer- und Wintersonnenwende um 9 Uhr und um 15 Uhr Wahre Ortszeit rund 25°; am nördlichen Wendekreis ist sie doppelt so groß, so dass man dort nach diesem Verfahren um 10 Uhr und 14 Uhr WOZ statt der gesuchten Südrichtung Südost oder Südwest erhalten würde.

• Die genaue Sonnenrichtung lässt berechnen aber man braucht dazu den Taschenrechner, die Breite und Länge des Standorts, Datum und Uhrzeit, Deklination der Sonne und Zeitgleichung.

2. "Die Sonne steht um 6 Uhr genau im Osten und um 18 Uhr genau im Westen.

Nur an zwei Tagen im Jahr, zum Frühjahrs- und Herbstanfang, steht sie um 6.00 Uhr Wahre Ortszeit auf 90° und um 18.00 Uhr auf 270°. Am längsten und am kürzesten Tag beträgt die Abweichung in Deutschland rund 16°; sie wächst äquatorwärts und nimmt polwärts ab.

3."Die stehen gebliebene Uhr kann man mit dem Kompass nach der Sonne stellen"

"Gradzahl : 6 = Zeigerstellung", das klingt einleuchtend. Aber diese Rechnung ergibt eben nur den Stundenwinkel der Sonne, der gerade nicht überall und jederzeit mit dem Richtungswinkel übereinstimmt. Zu berücksichtigen ist nicht nur der Unterschied zwischen Orts- und Zeitmeridian (4 Minuten je Grad, ggf. auch noch eine Stunde bei Sommerzeit) und die Zeitgleichung (die unterschiedliche Tageslänge von Mittag bis Mittag, die bis zu einer Viertelstunde vom Mittelwert der Zeitansage abweichen kann), sondern wiederum –- und in niedrigen Breiten mit viel größerem Gewicht – der jeweilige Unterschied zwischen Stundenwinkel und Sonnenrichtung.

4. "Das rote Ende der Kompassnadel weist zum magnetischen Nordpol"

Die Nadel richtet sich nach den örtlichen magnetischen Feldlinien aus, die nicht geradlinig von Pol zu Pol verlaufen (wie die Meridiane), sondern weit ausschwingen.

5. "Die Missweisung kommt daher, weil geographische und magnetische Pole nicht zusammenfallen"

Das ist nur eine Teilantwort und darum irreführend. Wäre die Missweisung mit der - gegenwärtig abnehmenden - Entfernung des magnetischen Pols vom geographischen vollständig erklärt, müssten die Linien gleicher Missweisung (Isogonen) ein ähnlich ebenmäßiges Bild ergeben wie die Meridianlinien im Gradnetz, nur mit dem Unterschied, dass sie sich in den magnetischen Polen treffen - und wir hätten in Deutschland eine deutliche westliche Missweisung. Beides trifft nicht zu.

Außerdem müsste die Deklination weltweit abnehmen, denn seit der Mitte des 19. Jahrhunderts nähert sich der magnetische Pol dem geografischen Nordpol; seit 2000 ist er über 500 km nach Norden gewandert.

6. "Die Missweisung kann man vernachlässigen"

 

Das ist ohne die Angabe von Ort, Jahr und der Art der Orientierungsaufgabe ein unverantwortlicher Rat. Schon 2° Abweichung sind zu viel, um mit dem Kompass von einem Berg aus entfernte Gipfel oder vom Boot aus ferne Inseln zu identifizieren. In der Seefahrt gelten 5° bereits als "größere Missweisung"!

 

Doch die Deklination kann ein Vielfaches der Werte für Mitteleuropa erreichen, in Nordnorwegen gegenwärtig über 10°, in den USA, Kanada, Südafrika und Neuseeland stellenweise über 20°.

Außerdem verändert sie sich in einer nicht langfristig vorhersagbaren Weise. Messen lässt sich nur die gegenwärtige Größe der Deklination. Bei den Kartenangaben zur erwarteten Zu- oder Abnahme handelt es sich also stets um Hochrechnungen.

Der Einfluss des Sonnenwinds, der ständig von der Sonne ausgehenden Teilchenstrahlung, auf des Erdmagnetfeld ist mit unseren Kompassen nicht mehr nachzuweisen. Aber "magnetische Stürme" (die wir als Polarlichter wahrnehmen), lassen in hohen Breiten die Magnetnadel bis 10° pendeln; in Deutschland kann die Abweichung 2 bis 3° betragen.

7. "Die Missweisung wird nach Norden immer größer"

Freilich findet sich die größte Deklination in Polnähe. Aber auch die Null-Linien (Agonen) treffen sich in den Magnetpolen: Die eine verläuft gegenwärtig westlich von Spitzbergen, die andere westlich der Hudson Bay.

8. "Die Meridiankonvergenz spielt für die Orientierung keine Rolle"

Wieder kommt es darauf an, wo man steht und welche Genauigkeit gewünscht oder verlangt ist. Immerhin, in den meisten einschlägigen Texten kommt die Meridiankonvergenz überhaupt nicht vor.

Sie ist der örtliche Winkel von der Meridianlinie zur Gitterlinie, also von GeN nach GiN und damit zwischen Deklination (Gradnetz) und Nadelabweichung (Gitter). Er wächst mit dem Abstand vom Hauptmeridian und mit der geographischen Breite.

Hauptmeridiane sind im UTM-Gitter die Mittelmeridiane der 60 UTM-Zonen. Ihre Gradzahlen sind ungerade Vielfache von 3°, für Mitteleuropa also 3°E, 9°E und 15°E; Grenzmeridiane sind Vielfache von 6°, in Mitteleuropa also die Meridiane 6° und 12°. Dort neigen sich auf beiden Halbkugeln die Gitterlinien zum Grenzmeridian hin.

Die Meridiankonvergenz spielt eine Rolle, wenn man zwischen Gradnetz und Gitter wechselt (z. B. aus dem Internet, nach dem Polarstern oder der Sonne die Deklination ermittelt hat, aber auf der Karte im Gitter arbeitet) und besonders, wenn man den Grenzmeridian überschreitet. In diesem Augenblick ändert sich nämlich die Nadelabweichung um die doppelte Meridiankonvergenz, die gerade am Grenzmeridian am größten ist. Das kann sehr wohl ins Gewicht fallen:

 

 

 

Wenn die Meridiankonvergenz - wie in der Abb. für die Nordhalbkugel - am Grenzmeridian von +2° auf –2° wechselt, ändert sich die Nadelabweichung von + 3° auf + 7°.