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Ersetzt GPS den Kompass?

 

Mit GPS finde ich ohne Karte und Kompass von einem unbekannten Standort aus zu einem gespeicherten Wegpunkt. Das ist also der lange ersehnte „Kompass, der zeigt, wo das Auto steht“. Ein einfacher GPS-Empfänger kostet inzwischen wenig mehr als ein guter Kompass. Braucht man denn überhaupt noch beides? Und muss man weiterhin Kompass-Verfahren lernen und üben, wenn GPS so gut wie keine Vorkenntnisse verlangt?

 

In unbekannter Gegend fragt man  Wo steh ich?   Was seh ich?   Wohin geh ich?

Das sind als Orientierungsaufgaben
            1. Standort bestimmen,

            2. entfernte Punkte identifizieren

            3. Kurswinkel finden,

            4. Kurs einhalten,         ,
            5. Missweisung ermitteln und berücksichtigen.

 

Mit dem Kompass allein kann man entfernte Punkte identifizieren (2), den Kurswinkel finden (3) und im Gelände einhalten (4) und die örtliche Missweisung (5) ermitteln und berücksichtigen, aber nicht überall und jederzeit den Standort bestimmen (1).
 

GPS allein zeigt auf bloßen Tastendruck punktgenau den Standort an (1) – auch unter Bedingungen, wo der Kompass versagt - kann aber keine entfernten Punkte identifizieren (2), den Kurswinkel (3) gar nicht oder nur umständlich messen und ihn nur im (zeitlich begrenzten) Dauerbetrieb einhalten (4). Anders als der Kompass liefert GPS aber  – in der Bewegung – Kurs und Geschwindigkeit, kann Wegpunkte speichern und zu einem gespeicherten Wegpunkt führen, eine Route bilden und den Rückweg sichern sowie Höhe und Luftdruck, Datum und Uhrzeit anzeigen. 

 

Um einen Kurswinkel (3) mit GPS zu finden, müsste man für jedes Zwischenziel die Koordinaten aus der Karte ermitteln, als Wegpunkt eingeben und dann GOTO aufrufen. Freilich könnte man eine Route bereits am heimischen PC erstellen und auf das GPS-Gerät übertragen; aber das erschwert für eine längere Tour und abseits von Wegen die Entscheidungen vor Ort (Begehbarkeit, Wetter,  Umgehen).

 

Die Lebensdauer der Batterien (4) beträgt nur Stunden und steht eigentlich immer nur zur Hälfte zur Verfügung, denn wer sich allein auf GPS verlässt, hängt ja auch für den Rückweg davon ab.

 

Eine im GPS-Gerät werksseitig gespeicherte Missweisung  (5) trifft zwangsläufig nur für ein bestimmtes Jahr zu. Wenn man die örtliche Missweisung nicht aus den Randangaben der Karte entnehmen kann, muss man sie selbst ermitteln, und das geschieht wiederum am einfachsten durch den Vergleich von Kompass- und Kartenwinkel.

 

Bei den Speicherkarten fehlen die Randangaben der gedruckten Karte (Gradnetz/Gitter, Missweisung, Meridiankonvergenz, Zeichenerklärung) und die Übersicht über eine größere Fläche (Wegplanung, Kurswinkel, Seitenpeilungen, Abstecher und Umwege). Sie verlangen die Fähigkeit, angezeigte Koordinaten in die Karte zu übertragen.
 

Teure GPS-Geräte zeigen nicht genauer an, sondern bieten mehr Funktionen, teilweise jedoch weitab von der Orientierung. Die Nützlichen davon ersparen immerhin eigene Überlegungen und Rechnungen und versprechen Sicherheit auch bei fehlendem Orientierungskönnen – machen aber abhängig und unaufmerksam. Sie sind hilfreich für „PC-Wanderer“, die gern elektronisch planen und Wegverlauf, Höhenprofile und Luftdruckverlauf ausdrucken möchten. Die Sicherheit steigert man mit einem einfachen Zweitgerät.

 

Die Hersteller vernachlässigen gern den Orientierungs-Nutzen zugunsten zusätzlicher Anwendungen. Die Entwicklung geht von der einfach zu handhabenden Orientierungshilfe (z. B. Garmin 12 XL) zum „vielseitigen“ Elektronik-Wunder, bei dem sogar der Gewichtsvorteil verloren geht, weil man das Handbuch ins Gelände mitnehmen muss. Vielfach bleibt sogar offen, ob die angegebene Nordrichtung GeN, GiN oder MaN ist, ob die angezeigte Höhe GPS- oder Kartenhöhe ist, ob die Zeitangaben für den Sonnenstand Zonenzeit oder Mittlere oder Wahre Ortszeit sind.

 

Die Antwort lautet also


1. GPS und Kompass ergänzen sich hervorragend, aber keins ersetzt das andere. Im Gelände und auf dem offenen Wasser bleibt der Kompass unverzichtbar, und wo er an seine Grenzen stößt, tritt GPS ein. Entbehrlich ist der Kompass in erschlossenen Gegenden, auf Straßen und in Ortschaften, aber dort ist ein Fahrzeug-Navigationsgerät hilfreicher als ein GPS-Handgerät.


2. Wer Verantwortung für andere trägt, vernachlässigt seine Sorgfaltspflicht, wenn er in unerschlossenen Gegenden kein GPS-Gerät mitführt oder nicht sicher damit umgehen kann – und handelt fahrlässig, wenn er sich allein auf GPS verlässt.

 

3. Mit GPS und Kompass/Karte lässt sich leicht die Forderung aus der Seefahrt erfüllen: Jede wichtige Entscheidung ist anhand von zwei unabhängigen Verfahren zu treffen.

 

4. Man sollte sich auf keinen Fall ausschließlich auf elektronische Orientierungshilfen stützen.
Zu einer guten, sicheren Ausrüstung gehören:

       • neueste top. Karte mit UTM-Gitter
       • Spiegelkompass mit verstellbarer Missweisung 

       • einfaches GPS-Gerät

       • (im Gebirge und auf dem Wasser:) Dosen-Höhenmesser

       • Quarz-Armbanduhr
       • Solar-Taschenrechner mit den auf S. 47/48 genannten Funktionen
       • Deklinationstabelle (9-05) und Rechenformeln (S. 221)
       • Transparentpapier (für Horizontalwinkel, Planzeiger)

Wolfgang Linke: Orientierung mit Karte, Kompass, GPS. 15. Auflage 2011

   

  Kompass GPS
Leistung Richtung Standort
  Kurswinkel Wegpunkt, Route, Rückweg
  Missweisung Richtung/Entfernung
  entfernte Punkte, Standort Geschwindigkeit
  Lineal/Anlegekante grafischer Zielfinder
  Winkelmesser Höhe, Luftdruck
  Planzeiger, Lupe, Spiegel Datum, Uhrzeit
Ergänzung top. Karte mit UTM-Gitter top. Karte mit UTM-Gitter
  Höhenmesser Speicherkarte, Straßenkarte
  Taschenrechner Taschenrechner
Einschränkung magnetische Ablenkung Stromversorgung
  Standort nicht bestimmbar Abschattung, Schlag/Stoß
  keine Sicht, keine Peilziele Hitze/Kälte, Feuchtigkeit
  Karte ohne Nordlinien GPS-Systemausfall, - einschränkung